Tag 2 im Atemschutzkurs: Bis an meine Grenzen

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Schmutzige Feuerwehrstiefel nach dem Atemschutzkurs

Nachdem die Vorbereitungen und der erste Tag im Atemschutzkurs gut vonstattengingen, war ich gespannt auf den zweiten Tag. Da galt es nun richtig ernst.

Der zweite Tag im Atemschutzkurs startete mit einer Lektion mit der Rauchbox. Dort lernten wir, wie sich Rauch verhält und mit welchen Techniken man zum Beispiel die Temperatur senken kann. Dies wurde mittels einer kleinen Box aus Spanplatten vermittelt und war auch im Kleinformat schon ziemlich eindrücklich.

Angewöhnung im Realbrand-Container

Danach gingen wir in den Realbrand-Container (mit «richtigem» Feuer). Wir sassen in den Container und zündeten vorne ein Feuer – bestehend aus Euro-Paletten – an.  Wir sassen links und rechts an der Wand und tauschten regelmässig die Plätze. Dabei war das Feuer zu Übungszwecken nicht am Boden, sondern ca. 1 Meter ab Boden. So wurde es nicht ganz so heiss auf Kopfhöhe.

Die Temperatur stieg kontinuierlich an, je grösser das Feuer wurde. Bald einmal waren es auf Kopfhöhe 80 Grad. An der Decke ging es gegen 300 Grad. Danach wurde uns gezeigt, wie sich das Feuer und der Rauch verhält, sobald Luft dazu kommt oder wegbleibt.

Ich hatte vorgängig grossen Respekt vor dieser Lektion. Aber schlussendlich war es nicht schlimm. Es wurde zwar sehr warm (auf Kopfhöhe bis zu 100 Grad). Aber da wir nur dort sassen und uns nicht gross bewegten, war es ganz gut auszuhalten. Nach ungefähr 20 Minuten verliessen wir den Container alle zusammen, machten eine kleine Pause und tranken etwas. Danach gingen wir nochmal alle rein und schauten uns verschiedene Löschtechniken an. Durch den Wasserdampf wurde es dann doch noch etwas heisser. Aber alles in allem ging es überraschend gut. Total waren wir wohl an die 40 Minuten im Container und der Körper war schon mal richtig aufgeheizt.

Raum Absuchen ohne Wärmebildkamera

Nach einer Pause gings dann weiter in einen Beton-Bunker, wo wir im dichten Rauch lernten, wie man Räume absucht (ohne Wärmebildkamera). Dort war es zum Glück nicht mehr heiss. Aber anstrengend war es umso mehr, weil man die eigene Hand nicht mehr vor dem Gesicht sah.

Der erste Zweier-Trupp war im Haus drin und meldete, dass er eine bewusstlose Person gefunden hat und Unterstützung braucht. Unser Trupp ging rein und wollte beim Retten helfen. Ohne unsere Kameraden überhaupt zu sehen versuchten wir dann, die besagte Person vom Boden aufzuheben. Aber mach das mal, wenn du deine eigene Hand nicht mehr siehst, du dir gegenseitig im Weg stehst mit den ganzen Flaschen und Verbindungsseilen, und dann noch merkst, dass du zu viert in einem Türrahmen stehst… gar nicht so einfach.

Ich kam jedenfalls aus dem Beton-Bunker raus und war kaputt. Auch ohne Hitze. Genau davor hatte mir schon vor dem Kurs gegraut. Die zu rettende Puppe war gefüllt mit Sand und wog 70kg. Es fühlte sich allerdings eher an wie 150kg.
Mit der Zeit merkten wir dann, dass es fast einfacher ist, wenn jemand alleine die Person unter den Armen greift und rausschleift (wobei das vielleicht besser nicht ich versuche). Oder bei besserer Sicht mit einem Tuch oder sonstigen Hilfsmitteln gearbeitet wird.

Absuchen im Realbrand-Container

Endlich kam die Mittagspause. Es war ungefähr 29 Grad an diesem Tag, ziemlich war für einen Atemschutzkurs. Unsere Kleidung war komplett durchgeschwitzt und wir legten sie zum Trockenen in die Sonne. Das war Fehler Nummer 1.

Nach dem Mittag gingen wir dann zurück und zogen uns die Kleider wieder an. Ich merkte, dass die Sonne die Kleider extrem aufgewärmt hatte.

Danach ging es wieder in einen Realbrand-Container. Aber diesmal war es nicht ein Container, sondern mehrere hintereinander; mit Wegen, Türen und Treppen. Irgendwo brannte es. Und wir erhielten den Auftrag, die Wohnung nach vermissten Personen abzusuchen und den Brand zu löschen. Beim ersten Durchgang war ich im 3. Trupp. Wir unterstützen die zwei vorderen Trupps zuerst von draussen, gegen Ende rückten wir dann nach bis ins Gebäude. Alles auf den Knien (weil es unten kühler ist als oben).  Meine selbstgebastelten Knieschoner halfen ein bisschen, aber angenehm war es trotzdem nicht.

Im nächsten Durchgang waren wir dann im 2. Trupp. Da kamen wir bereits weiter rein und es wurde schon ziemlich heiss. Wieder einen Durchgang später waren wir im vordersten Trupp. Allerdings hatten wir nicht mehr so viel Luft. Unser Kursleiter meinte, wir sollen mal rein und schauen wie weit es reicht, und wieder umkehren sobald der Warnmelder losgeht (ab 50 Bar). Im Ernstfall würde man niemals nur mit 100 Bar rein. Aber es ging ja darum, dass wir üben können und es war alles unter Kontrolle mit Notausgängen und mit unserem Kursleiter, der uns begleitete.

Wir suchten die Wohnung ab und kamen nach einer ca. 20 Meter langen Strecke bis zur Tür vor dem Brand. Dort ging uns dann die Luft aus und wir kehrten um. Wir waren zu diesem Zeitpunkt wieder mehrere Minuten in der Hitze und bis zum Feuer vorgedrungen.

Die Hitze bringt mich an meine Grenzen

Nach einer kurzen Pause und einem Flaschenwechsel machten wir das Ganze nochmal. Als wir dann vor der zweitletzten Tür waren, war diese mittlerweile schon so heiss geworden, dass ich die Türfalle kaum noch anfassen konnte (trotz Handschuhen).
Wir machten mehrmals eine Rauchgaskühlung (wir öffneten die Tür einen Spalt, gaben 3 Spritzer Wasser rein und schlossen die Tür sofort wieder). Dies hilft, die Temperatur im Raum zu senken. Kurz bevor wir in den nächsten Raum Eindrangen sagte ich zum meinem Kameraden, dass ich eigentlich nicht mehr mag. Er meinte dann motivierend «wir nehmen das jetzt noch». Wir wussten ja vom vorderen Durchgang, dass es nur noch 4-5 Meter waren bis zum Feuer. Ich liess mich überreden und ging mit. Das war Fehler Nummer 2.

Kaum hatten wir die Tür offen und waren im Raum, gab es einen Alarm beim 2. Trupp (wenn sich jemand mehrere Sekunden nicht mehr bewegt, löst ein Gerät automatisch Alarm aus). Wir wussten nicht, ob es ein Ernstfall ist oder nicht. Bis alles klar war, vergingen weitere 20-30 Sekunden in der Hitze. Danach rückten wir zur letzten Tür. Wir sahen, dass dahinter das Feuer loderte. Unterwegs öffneten wir eine Seitentüre, um eine Abluftöffnung zu schaffen, damit die Hitze und der Rauch raus kann.

Der letzte Türhebel war so verdammt heiss, dass ich sie trotz Handschuhen nicht mehr anfassen konnte. Ich versuchte auf Anraten unseres Kursleiters mehrmals, ihn mit der Hand nach oben zu schlagen (er ging nach oben auf). Beim 4. oder 5. Versuch gelang es mir und die Tür öffnete sich. Allerding nur einen Spalt. Zu wenig. Mein Kamerad gab trotzdem Wasser ab. Das war Fehler Nummer 3.

Eine Ladung Wasserdampf mitten ins Gesicht

Denn das Wasser prallte dann grösstenteils an die heisse Metalltür und kam uns in Form von Wasserdampf in x-facher Menge wieder entgegen. Dazu kam, dass wir direkt in der Linie zur Abluftöffnung standen wo die ganze Hitze durchgeht, weil der Türhebel auf dieser Seite war. Das war Fehler Nummer 4.

Unser Kursleiter kam nach vorne und zeigte uns, wie wir auf der anderen Seite der Tür vorgehen sollen. Das Ganze wurde mir aber zu heiss. Ich sagte, dass ich raus muss. Alle zusammen machten wir uns auf den Rückweg, wobei mich der Kursleiter zur Seitentür rausnahm und mir sofort die Maske auszog. Danach begann ich mit einer Art hyperaktiven Atmung (nur ganz oberflächlich und sehr schnell) und wusste nicht, ob ich jetzt erbrechen oder heulen muss. Ich zwang mich ruhig zu bleiben und tief durchzuatmen. Und dazu fragte ich mich, wie dumm ich eigentlich bin, dass ich mir sowas antue.

Tief durchatmen, abkühlen und gut nachdenken

Nachdem mir meine Teamkameraden und die Betreuer aus dem Gerät und der Kleidung geholfen hatten, legte ich meine Arme in ein kühles Wasserbad.  Ich hatte definitiv zu viel Hitze erwischt. Und gleich mehrere Lektionen gelernt an diesem zweiten Tag im Atemschutzkurs:

  1. Werde ich meine Kleider nie mehr an die Sonne zum Trocknen legen, wenn ich weiss, dass ich sie später nochmal anziehen muss.
  2. Habe ich gelernt, wo meine Grenzen sind. Wenn ich den Rückzug angetreten hätte, als mein Körper mir sagte, dass meine Kräfte zu Neige gehen, wäre alles nicht passiert. Vor allem weiss man ja im Realfall nie, was hinter der nächsten Tür noch alles kommt.
  3. Werde ich sicherlich nie mehr in der Linie zwischen Feuer und Abluftöffnung stehen (einmal Praxiserfahrung ersetzt die ganzen theoretischen Ausführungen. Learning by doing sozusagen 😉).
  4. Werde ich bzw. mein Kamerad nie mehr Wasser auf eine halb geschlossene Tür abgeben. Weil eine Ladung Wasserdampf abzukriegen ist echt nicht lustig.

 

Der Tag ist noch nicht vorbei

Den restlichen Nachmittag im Atemschutzkurs hatten wir zum Glück nur noch 2 Lektionen ausserhalb des Brandhauses (Chemie-Ereignis und Absuchen mit Wärmebildkamera), wo nicht alle Teilnehmer ins Gerät mussten. So war ich dann für die beiden nächsten Lektionen ohne Gerät unterwegs. Und mein Kreislauf beruhigte sich dann nach einer weiteren Kühlrunde allmählich wieder.

Wir hatten danach noch ausführlich über diesen Vorfall gesprochen. Auch die anderen kamen in der Hitze teilweise an ihre Grenzen (sogar die 1m80 grossen kräftigen Männer). Jedenfalls erfuhren wir, dass man in diesem Realbrand-Container bei der Hitze in einen Bereich kommt, den man im Realfall gar nicht erleben wird. Es wird absichtlich stark eingefeuert. Normalerweise würde man nicht so nah ans Feuer gehen. Und man wäre natürlich auch nicht vorher schon 40 Minuten in einem Realbrand-Container gesessen, so dass der Körper noch etwas frischer sein sollte. Ausserdem ist es ein Ort, wo man üben soll und auch Fehler machen darf, denn es ist ja alles betreut. Nichts desto trotz schaute ich dem dritten und letzten Tag mit gemischten Gefühlen entgegen.

Der Beitrag zum dritten und letzten Tag folgt bald.
Hier gehts zum Beitrag vom 1. Tag im Atemschutzkurs.

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